Der chinesische Schriftsteller Zhungzi (365-290 v.Chr.) übermittelt uns einige seiner Gedanken in folgender Geschichte:

Dsï Gung war im Staate Tschu gewandert und nach dem Staate Dsin zurückgekehrt. Als er durch die Gegend nördlich des Han-Flusses kam, sah er einen alten Mann, der in seinem Gemüsegarten beschäftigt war. Er hatte Gräben gezogen zur Bewässerung. Er stieg selbst in den Brunnen hinunter und brachte in seinen Armen ein Gefäß voll Wasser herauf, das er ausgoss. Er mühte sich aufs äußerste ab und brachte doch wenig zustande.

Dsï Gung sprach: »Da gibt es eine Einrichtung, mit der man an einem Tag hundert Gräben bewässern kann. Mit wenig Mühe wird viel erreicht. Möchtet Ihr die nicht anwenden?«

Der Gärtner richtete sich auf, sah ihn an und sprach: »Und was wäre das?« Dsï Gung sprach: »Man nimmt einen hölzernen Hebelarm, der hinten beschwert und vorn leicht ist. Auf diese Weise kann man das Wasser schöpfen, dass es nur so sprudelt. Man nennt das einen Ziehbrunnen.«

Da stieg dem Alten der Ärger ins Gesicht, und er sagte lachend: »Ich habe meinen Lehrer sagen hören: Wenn einer Maschinen benützt, so betreibt er all seine Geschäfte maschinenmäßig; wer seine Geschäfte maschinenmäßig betreibt, der bekommt ein Maschinenherz. Wenn einer aber ein Maschinenherz in der Brust hat, dem geht die reine Einfalt verloren. Bei wem die reine Einfalt hin ist, der wird ungewiss in den Regungen seines Geistes. Ungewissheit in den Regungen des Geistes ist etwas, das sich mit dem wahren SINNE nicht verträgt. Nicht dass ich solche Dinge nicht kennte: ich schäme mich, sie anzuwenden.«

Wenn schon die einfachste Mechanisierung des Wasserschöpfens unseren Gärtner zu einer so heftigen Stellungnahme herausfordert, was würde er wohl zu uns sagen, wo wir doch heute nicht nur körperliche sondern auch gedankliche Anstrengungen ganz selbstverständlich von Apparaturen erledigen lassen, und uns darauf verlassen, dass unsere Erfindungen nur das sind und bleiben, als was wir sie erdacht haben. Erst wenn man vom Gegenteil ausgeht wird man herausfinden können wie es dabei zugeht, wenn ursprünglich vernünftig und nützlich erscheinende Erfindungen anfangen ein seltsames Eigenleben zu führen und dann zunehmend mit immer weniger wünschenswerten Erscheinungen behaftet sind. 

Erste Kandidaten für eine notwendige Revision unserer Wertschätzung sind die beiden auffälligsten Falschmünzer im Staatsauftrag: Schule und Wissenschaft, die weitgehend unerkannt an den absurdesten und betrüblichsten Erscheinungen der modernen Welt massgebenden Anteil haben. Schule, weil sie entgegen aller Erfahrung und Einsicht zwanghaft die staatliche Erziehungsmacht und erbarmungslose Verfügung über die Kindheit aufrecht erhält. Und Wissenschaft, weil ihre konstruierte Autorität und Unfehlbarkeit trotz offensichtlicher Lebensferne und gedanklicher Beschränktheit weiterhin ungehemmt aller Welt als oberster Wertmassstab aufgezwungen wird.                             

Ganz anders stünde es um ein gelungenes In-Die-Welt-Finden, wenn wir das Prinzip Bildung als das erkennen würden, was es ist: Wissen anhäufen, Genies anbeten und nichts verstehen. Ist es nicht schon längst fällig, der tyrannischen Doppelherrschaft von Lehren und Erziehen die Gefolgschaft zu verweigern und statt dessen unseren Kindern das tätige Mitwirken an allen sie selbst betreffenden praktischen und produktiven Angelegenheiten zu ermöglichen. Ist es nicht nahe liegend, das aus Erfahrung gewonnene Verständnis in seiner Verschiedenheit bei Jedermann anzuerkennen. 

Allein im Hinblick auf ein erfreuliches Miteinander in der Familie ist den Eltern auch schon von anderer Seite vorgeschlagen worden das ehrgeizige Lenken und Erziehen aufzugeben, und den Kindern statt dessen beim Erwerb unverzichtbarer Grundorientierungen behilflich zu sein. Nachzulesen bei Jesper Juul: "Vier Werte, die Kinder ein Leben lang tragen."

Unsere Kinderwerkstatt zeigt darüber hinaus, wie wünschenswert es auch im Bereich der dinglichen Weltaneignung ist, unseren Kleinen ein Umfeld zu verschaffen, wo sie ungestört den von Geburt an mitgeteilten Orientierungshilfen folgen können.  In ihrer intuitiven und unbefangenen Vorgehensweise sind sie überraschend autonom und brauchen bei geeigneten Bedingungen weder Unterricht noch einen Lehrer, um all das heraus zu finden, wofür sie sich interessieren. Ausführliches dazu auch bei Rita Laube:"Natürliches Lernen durch Neugier und Interesse".

Die Fortschritte im Verstehen geschehen sehr leicht im Dialog mit den Dingen und der Wirklichkeit selbst, nicht in der von einer Fachkraft  inszenierten nur gedanklichen Beschäftigung mit dem, was Andere nach eigennützigen Regeln erforscht und systematisiert haben. Dies wird den Kleinen aber von der heutigen Bildungsauffassung nicht zugestanden, sondern die Schule diktiert, wofür sie sich zu interessieren haben, was als gültige Erkenntnis autorisiert ist und letztlich auch die Art wie Denken und Lernen unter fachlicher Aufsicht stattzufinden hat.

Damit ist dies sicher kein Ort an dem das Bemühen um Einsicht und Verständnis noch eine Chance hat. Ganz deutlich spüren das die Kinder selbst und äußern sich entsprechend. Was man aktuell tun kann ist, ihre so häufig nicht eingelösten Erwartungen nach Ablauf der ersten Wochen Schulunterricht ernst zu nehmen. Einmal nachfragen, was sie denn lieber tun würden, und ihnen dann anknüpfend an von ihnen schon selbst Erarbeitetes etwas anbieten, das ihrem aktuellen und vor allem praktischen Interesse entgegen kommt, und ihrem Wunsch zu verstehen möglicherweise weiterhelfen könnte. Kinder sind zuverlässige Partner, wenn es darum geht etwas scheinbar Feststehendes in Frage zu stellen. Entscheidend ist, dass auch wir selbst den Wert echter Sachkenntnis wiederentdecken und schätzen lernen. Schulwissen ist von weitaus geringerem Wert als man denkt. Die besten und grundlegensten Fragestellungen und Erkenntnisse werden den Kindern regelmässig vorenthalten. Geniale zu verehrende Forscher haben angeblich alles Wichtige schon herausgefunden, und das gilt es zu lernen.

Mein persönlicher Vorschlag ist kurz gesagt, dem staatlich gelenkten Belehren und Erziehen in jeder Hinsicht und ernsthaft etwas Besseres entgegen zu setzen, und die Schule als das zu nehmen, was sie ist: ein egoistischer selbstgefälliger Apparat der gezielt jede Regung praktischer Intelligenz zu vernichten trachtet, um der Kunstblume Bildungsmensch Herrschaft und Entscheidungsgewalt zu sichern. Was Schülern heute diktatorisch als Leistung abgefordert wird ist das Abarbeiten eines absurden Wissenswusts, der jeden eigenen Gedanken erstickt, und dessen Übertragung auf die nachfolgende Generation ohne exessive Indiestnahme von Titeln, Belobigungen und Eitelkeiten gar nicht funktionieren würde.

Sollte es wirklich nicht möglich sein, diese verschwendeten Jahre des Intellektuellen Drills und sinnloser Disziplinierung in der Hierarchie des Schulgettos durch sinnvollere und der menschlichen Würde gemäßere Beschäftigungen zu ersetzen, die Lebensnähe, produktivem Schaffen und eigener Erfahrung wieder den Vorrang geben?

Wer in unserer Zeit die pädagogische Ausbildung über sich hat ergehen lassen, der wird dazu wahrscheinlich nur wenig beitragen können, denn seine akademische Konditionierung beinhaltet den Glauben an das höhere Recht  wissenschaftlichen Denkens und ist mehr denn je darauf ausgerichtet, die Ein- und Unterordnung der Kinder im System der Machtausübung durch Wissen zu gewährleisten.

Was die miese Erfindung Schulunterricht zwangsläufig anrichtet, das hat John Taylor Gatto schon 1991 in einer Dankesrede anläßlich seiner Ernennung zum Lehrer des Jahres im Staat New York als unfreiwillig gegebene Lektionen jedes Lehrers sehr treffend bezeichnet. 1.Verwirrung, 2.Gesellschaftliche Platzanweisung, 3.Gleichgültigkeit gegenüber den Inhalten, 4.Emotionale Unterwerfung, 5.Intellektuelle Abhängigkeit, 6.Labiles Selbsbewusstsein und 7.Gewöhnung an unausweichliche Kontrolle.

Dass ausserhalb der Machtstrukturen dieses perspektivlosen Schulgettos für die Kinder wieder neue Tätigkeitsfelder mit tatsächlichen Spielräumen für intelligentes Handeln und Verhalten entstehen, daran müßten nach den Kindern selbst mittlerweile auch die Eltern ein dringliches Interesse haben. Denn ihnen wird doch das Hinnehmen und Verantworten aller destruktiven Vorgaben und Fehlgriffe des Bildungsbetriebs nicht weniger erbarmungslos aufgenötigt.

Der Weg des unreglementierten Entdeckens und Ausprobierens wie ihn eine Kinderwerkstatt bietet, verhilft den Kleinen nicht nur ganz von selbst zu einem  sachorientierten bessern Verständnis der Dinge und Verhältnisse, sondern ihre aufrichtige und unbefangene Sicht der Welt setzt sie zudem in Stand für die täglichen Aufgabenstellungen im familiären und gesellschaftlichen Miteinander ganz neue und überraschend einfache Lösungen aufzufinden. Vielleicht hat die Entwicklungsgeschichte gerade der Kindheit diese einzigartige Rolle im Spiel um die Erneuerung des Gemeinwesens zugedacht.

Mir erscheint es jedenfalls sinnvoll und an der Zeit, dem weiteren Ausbau totalitärer einseitig wissensorientierter staatlicher Erziehung, die unter menschlich inakzeptablen Bedingungen fragwürdige Erfolge zu erzwingen versucht, jede Art von Tolerierung zu entziehen. Vielmehr alle Anstrengungen darauf zu richten, dass außerhalb und unabhängig vom Verwirrspiel des Schulunterrichts Gelegenheiten zu praktischem intelligentem Tun und Verhalten geschaffen werden, wo es den Kindern tatsächlich möglich ist, sich beim Erkunden und Kennenlernen der vorgefundenen Welt ungestört am echten Interesse des Verstehens zu orientieren, und wo sie über die materiellen Bedingungen ihres Nachforschens auch selbst und nach eigenem Ermessen verfügen können. Kurz gesagt: den Anfang machen mit etwas Besserem als diesem offensichtlich untaugliche Schulunterricht, der uns allen ungefragt aufgezwungen wird, und mit dessen verstörenden Auswirkungen wir uns ein Leben lang herumplagen.