Bei der Art von Arbeitsgelegenheit, die wir den Kindern anbieten, soll es für sie  endlich einmal möglich sein, die eigenen vorgestellten Unternehmungen ungestört auszuprobieren. Nichts nachmachen, sondern praktisch erfinderisch tätig sein, soweit sie sich das selbst und ohne Hilfe zutrauen. Diesem eigenständigen auf Verstehen gerichtetem Interesse der Kinder Raum zu geben ist das Anliegen der Kinderwerkstatt.

Also nicht Einüben, Antrainieren und Könnervisionen, und auch nicht Begeistern für künftige Rollenspiele oder kreativ sein ist angesagt. Mit der einfachen aber weit reichenden kindlichen Frage: „Spänemachen, wie geht das?“ ist ganz unkompliziert eine gleichwürdige Form der Begegnung zwischen allen Beteiligten nahegelegt.

Sich mit etwas Neuem und Ungewohntem zu beschäftigen, das noch jede Menge Rätsel verbirgt, kann zum verbindenden Interesse werden.

Von einigen bemerkenswerten Verknüpfungen, welche von diesem unbeschwerten Gebrauch einfacher Werkzeuge angesprochen und sichtbar gemacht werden, handelt der hier folgende Erfahrungsbericht.

Ein Ergebnis des Ausprobierens

Nachdem die Anfänge der Kinderwerkstatt nun schon mehr als fünfzehn Jahre zurück liegen, bin ich doch immer wieder davon beeindruckt, wie unbefangen, selbstverständlich und mit welcher Intensität die 3- bis 10-Jährigen ganz unabhängig von ihren Vorerfahrungen das Terrain der hier gebotenen Art des Sichausprobierens für ihr Lernen nutzen.

Mein aktueller Gedanke dazu ist, dass hier neben einer Reihe heute vorherrschender, dem natürlichen Lernen außerordentlich hinderlichen Phänomenen, gleichzeitig - als nicht vorausgesehenes Ergebnis gesellschaftlicher Entwicklung - ein so noch nicht gekannter Freiraum für das hier nahe gelegte lernende Experimentieren entstanden ist, der von den Kindern spontan erfasst und erprobt wird.

Der erfreuliche Zuspruch, den die in körperlicher und gedanklicher Hinsicht gleicherweise anspruchsvolle Anwendung einfacher Werkzeuge auf diese Weise findet, bedarf deshalb erfahrungsgemäß keiner besonderen Ermunterung. Wenn Sie als Eltern oder Betreuer zu dieser möglicherweise bedeutungsvollen Begegnung mit ganz in Vergessenheit geratenen Instrumenten des menschlichen Verstehens einen Beitrag leisten wollen, wäre es gut, wenn Sie die welterklärende und erziehende Sichtweise für eine Weile ganz vergessen und das hier gebotene Schauspiel ursprünglichen intelligenten Verhaltens gegenüber der dinglichen Welt genießen und in ihren Erfahrungsschatz aufnehmen.

Wenn es den Kindern gelingt, einen Ast abzusägen, ein Stämmchen zu spalten oder von einem Holzstück feine Späne zu schälen, so ist die von mir als wünschenswert angesehene Beziehung zu Werkzeugen und Material hergestellt. Alle weiteren Absichten und Bemühungen sind Sache der Kinder.

Ich vermeide es auch, Erklärungen zu geben, damit sie die Chance haben, alles selbst herauszufinden und gebe allenfalls zurückhaltende Hinweise, wenn es in die Situation passt.

Dieses spezielle Angebot entspringt keinem Plan, den ich mir erdacht hätte. Es ist vielmehr das Ergebnis zufälliger Begegnungen und Erlebnisse, und die hier wirkenden Kinder haben mit ihrer zuverlässig ablehnenden Reaktion auf mein überflüssiges Eingreifen ihren Anteil an der heutigen Konzeption.

Die lange Zeit des Ausprobierens unter verschiedenen Bedingungen findet heute seinen Ausdruck in der jedem Beobachter auffälligen Leichtigkeit, mit der hier jeder Zugang findet, und dann verwundert auch die Geduld, Freude und Leidenschaft, mit der sich die Kinder dieser ursprünglichen produktiven Beschäftigung hingeben können.

Um nun die Sache selbst und meine Erfahrungen damit einem größeren Personenkreis zugänglich zu machen, biete ich mit der Kinderwerkstatt als mobiler Einrichtung Veranstaltungen zum Kennenlernen an. Wo dann der Wunsch entsteht, eine vergleichbare Möglichkeit des Experimentierens mit Werkzeugen und Materialien einzurichten, werde ich das mit Rat und Tat unterstützen.

Für ein solches Unternehmen gibt es aber nach meinen Erfahrungen einige Stolpersteine, die ich hier ansprechen will. Macht man ein so einfaches und zugleich beziehungsreiches Angebot ohne bestimmend einzuwirken, gewinnt jedes einzelne Kind sehr schnell die Initiative. Es entwickelt aus einem tiefen Gefühl heraus Ideen, was es mit den Dingen, die es hier vorfindet, vielleicht anfangen könnte.

Sobald es die Wirkungen seines Tuns verspürt, kommt ganz von selbst ein eigenartiges sinnliches Verstehen in Gang, das den Erwachsenen möglicherweise fremd und unverständlich erscheint. Aus der sinnlichen Gewissheit ihres Tuns heraus betrachten sie logische Erklärungen als wenig nützlich. Die Kinder in diesem Impuls der Selbst- und Neuschöpfung vollkommen anzunehmen und gewähren zu lassen, darüber kann man schon stolpern.

Ein weiterer Punkt, der zu Missverständnissen Anlass gibt, ist die uns so vertraute Zielstrebigkeit und Ergebnisorientierung. Wir ermuntern die Kinder zu Bestimmtheit und gestalterischen Absichten. Bedenklich scheint mir, dass hier in erster Linie das Wollen und der daraus entstehende Erfolg angesprochen wird. Die starke Seite des frühen Lernens erscheint mir eher da, wo die Kinder während ihres absichtsvollen Tuns gleichzeitig alle Sinne offen und geschärft auf die Dinge richten, die ganz aus Versehen passieren, und gerade das nicht Vorausgesehe liefert ihnen wertvolle Informationen über die Wirklichkeit.

Aus meiner Sicht wird das frühe Lernen durch betonte Ergebnisorientierung erheblich gestört. Das Gleiche gilt für Fachlichkeit und die Vorstellung, üben mache den Meister. Wenn ich den Kindern sage: „Seht, das ist ein Hobel und den benutzt man so und so“ erkennen sie darin mit sicherem Gefühl die Diktatur des Fachmanns und langweiligen Schön-Wissenden. Damit haben wir das sicherste Mittel, die universelle Lernlust der Kinder zum Verschwinden zu bringen.

Für das bisher Gesagte genügt aufmerksames Beobachten, um nicht unwillentlich Lernhindernisse aufzubauen. Eine echte Schwierigkeit besteht aber im Umgang mit den Werkzeugen selbst.

Die Erfinder der Maschinentechnik haben auf ihre Art in genialer Weise die vielfältigsten Probleme der Materialverarbeitung vereinfacht und generalisierende Lösungen gefunden. Die Künstlichkeit der Bedingungen ist ein Teil dieser Erfindungen. Ohne diese funktionieren sie nicht. Den Maschinen zuzuarbeiten und ihnen immer die Bedingungen zu verschaffen, die sie brauchen, das ist unser gewohntes Bemühen.

Wenn wir nun mit Werkzeugen arbeiten, begegnen wir wieder der alten unberechenbaren und hochkomplizierten natürlichen Wirklichkeit und dazu noch mit Mitteln, die wir ständig variieren und immer wieder neu erfinden müssen, damit wir überhaupt etwas damit ausrichten können. Jede Art von Schulwissen erweist sich hier als vollkommen untauglich, ist es doch auf verallgemeinerte und personenunabhängige Erkenntnisse gegründet. Wir befinden uns hier sozusagen außerhalb des Machtbereichs der Ideale der Wissenschaft.

Wer ein Werkzeug zweckmäßig und sinnvoll gebraucht, entwickelt seine eigenen theoretischen Vorstellungen darüber, unter welchen Bedingungen es funktioniert und warum das wahrscheinlich so ist. Damit haben wir aber kein Wissen im heutigen Sinn, das man mitteilen und unter Beachtung bestimmter Regeln erfolgreich anwenden könnte. Es handelt sich hier um eine Art Kenntnis von Erfahrungen, über die man sich nur mit dem austauschen kann, der unter vergleichbaren Umständen praktisch experimentiert. Aus diesem Grund werden wir über den Umgang mit Werkzeugen auch schon seit den ältesten Zeiten nichts Gesammeltes und Aufgeschriebenes finden.

Der Erfahrungsschatz der vielen Generationen, die vor uns gelebt haben, hat aber dennoch Wege gefunden, uns zu erreichen. Deutliche Spuren davon finden wir im Vor- und Unbewussten, wenn wir bei einer in unserem modernen Erlebnisumfeld normalerweise gar nicht mehr vorkommenden Beschäftigung plötzlich den sicheren Eindruck haben, genau das schon einmal getan zu haben. Und der andere damit in Verbindung stehende Weg zeigt sich, wenn wir bei der uns vollkommen ungewohnten Arbeit mit Werkzeugen feststellen, dass unser Körper und unsere nervliche Organisation bestens für diese Art Lebenstätigkeit eingerichtet ist.


Geht man einen Schritt weiter und stellt sich der Herausforderung, ein Haus, eine Brücke oder ein Schiff zu bauen und dabei auf alle modernen Hilfsmittel zu verzichten, so werden wir mit dem Fortschreiten des Werkes feststellen, dass die Erfahrungen vorindustrieller Zeiten in uns selbst nicht so vollständig verschwunden sind, wie wir vielleicht annehmen.

Dieser lebendigen Vergangenheit in uns nachzuspüren und sie mit unserer technisch wissenschaftlichen Welt und unserem Leben in ihr wieder in eine Beziehung zu setzen, habe ich in den letzten zehn Jahren neben vielen kleineren Experimenten auf zwei großen Handbaustellen den ganzen Komplex des Zimmerns mit Axt und Säge für mich erforscht.

Dabei galt mein Interesse besonders auch dem ganz andersartigen Umgang mit theoretischen Vorstellungen, der dann entsteht, wenn man bei der Lösung geometrischer und mechanischer Probleme nicht unbedingt auf Berechenbarkeit und auf Allgemeingültigkeit der Methoden und Erkenntnisse Wert legt.

Die bei diesen umfangreichen Untersuchungen entstandenen sehr genauen Kenntnisse der Werkzeugtechnologie sowie den dabei entwickelten praxisorientierten Umgang mit Aufgabenstellungen der Technischen Mechanik erachte ich als gute Voraussetzung, um noch eine Reihe weiterer Erfahrungsgelegenheiten für Kinder modellhaft einzurichten und zu betreuen.

Die beiden wichtigsten Punkte meines Interesses sind dabei, jenseits von pädagogischen Theorien und Erwägungen die vom langen Weg der Entwicklungsgeschichte hervorgebrachten biologischen Vorausetzungen unseres heutigen Lernens mehr und besser zu berücksichtigen. Und dann vor allem, dass unsere Kinder in dem Alter, wo sie dafür am aufgeschlossensten sind, Gelegenheit bekommen, mit einfachem und gut brauchbarem Arbeitsgerät in ihren Händen, sich ein eigenes originelles Wirklichkeitsverständnis zu erarbeiten.

Lassen wir also die Kleinen so lange herumprobieren, bis sie etwas finden, das für sie einen Sinn macht. Und wenn nicht, werden sie eben wo anders weiter suchen, bis die Dinge selbst auf einmal anfangen zu ihnen zu sprechen, weil sie schließlich auch eine eigene Art des Zugangs für sich erfunden haben.