Verständlicherweise haben Erwachsene, wenn sie Kindern beim Arbeiten zuschauen, spontan das Gefühl, helfend eingreifen zu müssen. Es spricht aber einiges dafür, sich in diesem Impuls zurückzuhalten.

Einmal ist es so, dass sich die Kinder im Moment des Herangehens schon für eine aus eigenen Vorstellungen gebildete Strategie des Handelns entschieden haben und nun ganz gespannt sind, ob das so geht oder nicht. In der Regel nehmen sie die durch das Eingreifen verursachte Behinderung gelassen hin. Es ist für sie etwas Alltägliches. Aus ihrer Sicht ist unser Erklären ein Theoretisieren, denn mit ihrer sehr genauen Wahrnehmung sind sie viel dichter dran an dem, was da wirklich ist.

Lässt man sie denn gewähren, zeigt sich ganz auffällig ihre Fähigkeit, sehr schnell auch unscheinbare aber wichtige Einzelheiten zu erfassen und in ein zweckmäßiges Handeln umzusetzen, während wir mit unserem gelernten Wissen die Sache eher grob und weniger treffend angehen.

Uns gegenüber sind sie deshalb so selbstverständlich im Vorteil, weil sie noch ganz unbefangen fragen, was ist das Ding für mich? Und nicht, was ist es allgemein und an sich. Bei entsprechender Aufmerksamkeit gegenüber ihren Aktionen und Äußerungen wird man deshalb immer wieder ganz erstaunlich Neues und Unerwartetes über die Dinge erfahren, von denen wir eigentlich dachten, dass sie uns bekannt sind.

Es ist schon ein merkwürdiger Sachverhalt, dass auf dem Bildungsweg erworbenes Wissen nur für speziell dazu passende Aufgabenstellungen eine Lösung bietet. Trotz aller Bemühungen, es durch praktische Anwendung für unser individuelles Vorstellungsvermögen zu verlebendigen, bleibt es doch immer dieses seltsam formalistische Schulwissen, an dessen Gültigkeit wir keinen Zweifel haben, das uns aber offensichtlich daran hindert, ganz aus eigenem Nachdenken dem Verständnis der Sache näher zu kommen, oder gar neue und noch nicht vorgezeichnete Lösungswege zu finden.

Wenn Kinder beim Lernen gewohnheitsmäßig der Erwartung ausgesetzt sind, die als zutreffend angenommenen Erklärungen fraglos zu akzeptieren und ihre kausale Logik nachzuvollziehen, kommt man zu eben diesem Ergebnis. Was bleibt, sind ein paar lebenslang mitlaufende Merk- und Lernsätze. Das Interesse an der Sache ist verloren gegangen.

Will man es anders, gibt es die Möglichkeit, spontanes Nichtverstehen als begründet und als möglichen Anfang neuer und ungewohnter Überlegungen anzusehen. Wenn Kinder von sich aus nachfragen, geht es meist schon um sehr spezielle Dinge, die sich in der Regel auch immer als aufklärungsbedürftig herausstellen. Darauf genau und aufmerksam einzugehen, ist von ihnen sehr erwünscht. Auf allgemeine und übergreifende Erklärungen reagieren sie berechtigterweise mit Ablehnung. Wer daran interessiert ist, dass sie sich ein eigenes praktikables Wirklichkeitsverständnis erarbeiten, der sollte die Rolle des Welterklärers vermeiden, auch dort wo es naheliegt.