Unmögliche Schule

Es ist nicht all zu lange her, da hatte man nach der Entlassung aus der Schulpflicht ganz selbstverständlich die Möglichkeit der Begegnung mit dem Leben selbst.  Die Eröffnung dieser Welt mit bisher nicht gekannten Freiheiten und meist zuverlässiger Anerkennung intelligenten Verhaltens hieß "Lehre". Jedermann  hatte es in seinem Wortschatz und kannte seine häufig auch unerfüllten Versprechungen.

Heute dagegen sehen wir uns dem zunehmenden Druck einer Bildungspropaganda ausgesetzt, die lebenslange Lenkung durch Medienexperten und pädagogische Fachkräfte als zeitgemäße gesellschaftliche Entwicklung darzustellen versucht. Eine Entlassung daraus ist nicht mehr vorgesehen. Nur immer wieder neue Runden desselben Spiels. Schulbildung und Klassenzimmerlernen sind angeblich wichtiger und höherwertiger als das Leben selbst.

Nahezu alle irreparablen Mißgriffe schulischen Lernens sind mittlerweile unzweifelhaft in aller Ausführlichkeit beschrieben und allgemein anerkannt. Der Stasi-Spruch: "Wir haben die Macht" könnte unbeanstandet in allen Amtszimmern der Bildungsbürokratie hängen. Geschäft ist Geschäft, eine umfangreiche Lernmittelindustrie und  ihr wissenschaftlicher Anhang profitieren vom Plan der systematischen Ausschaltung erfinderischer Intelligenz.

Funktionieren tut er aber nur zum Teil, denn gerade Kinder verhalten sich regelmäßig umsichtiger und intelligenter, als das auf erzieherische Lenkung fixierte Fachpersonal es ihnen erlaubt. Aber Nein: Kinder können ja gar nicht denken, man muß sie ja erst noch dazu erziehen. Natürlich zu einer speziellen Art des Denkens, dessen Installierung der Polizeigewalt bedarf.

Was bisher auch noch nicht so recht bedacht wird: die Schule täuscht eine Sachkenntnis vor, die sie gar nicht besitzt. Unter der Oberherrschaft von Bildung und Erziehung sind die wertvollsten Erkenntnisse zu gleichgültigem und schwer begreiflichem Unterrichts-Stoff geworden. Wichtig ist allein die umfassende erzieherische Lenkung und Kontrolle im Unterricht, der Gegenstand selbst erscheint den Lehrpersonen uninteressant und nebensächlich.

Das Auffinden neuer Wege und Lösungen durch wiederholtes Erarbeiten und die Auseinandersetzung mit den verschiedenen Teilen unseres kulturellen Erbes ist ohne die Mitwirkung der Kinder, die das Geheimnis des Verstehens in sich tragen und auch den Mut haben dafür einzustehen, aus meiner Sicht gar nicht machbar. Ihre Vorgehensweise ist denkbar einfach. Sie bevorzugen das altbekannte außerordentlich nützliche Ausprobieren und Erfahrungen sammeln, wünschen sich eine Lehre ohne Meister und Vordenker. Und was sie uns vor Augen führen, wenn sie mit Leidenschaft werkeln, ist der lebendige Ausdruck eines uralten Lebensrechtes auf handgreifliche produktive Beschäftigung, das wir nur leider wegen der bestechenden Vorteile technischer Entwicklungen ganz aus dem Blick verloren haben.

Für Kinder ist es jedenfalls selbstverständlich den geschickten Umgang mit Handwerkzeugen in gleicher Weise Wert zu schätzen wie auch Tanzen, Singen oder ein Instrument zu spielen, denn hier haben sie die Gelegenheit das zu sein, wozu sie ihre ererbte Ausrüstung auf natürliche Weise befähigt. Gerade aus der Nicht-Übereinstimmung ihrer reichen Möglichkeiten mit den absurden Einschränkungen, die ihnen die vorgefundene Welt abverlangt entsteht sehr leicht das ernste Bemühen, dennoch einen Weg ins Freie zu finden und es immer noch einmal ganz anders zu probieren.

Deshalb ist es nur recht und billig, wenn wir schon den Kindern reichlich Gelegenheit zum Umgang mit brauchbaren und echten Werkzeugen verschaffen. Ihren Anspruch des direkten und umfänglichen Verstehens können sie so erst einmal ganz ohne all die Abstriche erproben, zu denen sie später durch unser merkwürdiges Schulwissen verpflichtet werden. Zu vorrangig theorieorientiertem Lernen in der Schule gibt es dann möglicherweise für sie auch eine echte Wahlmöglichkeit. Haben sie doch in Erinnerung, wie sie sich auch auf anderen als den vorgezeichneten Wegen Erfahrungen verschaffen und Lösungen finden können. Gleichzeitig haben sie aber auch Gelegenheit, eine persönliche Strategie für die Herausforderung ernsthaften Arbeitens zu entwickeln. Sie stolpern nicht unvorbereitet vom kindlichen Spiel in die Leistungsforderungen des Schulbetriebs.

Für Schulkindern geht es darum sich gegen den erzwungenen Null-Anfang ihrer sprachlichen Äußerungsmöglichkeiten zur Wehr zu setzen, der ihnen wegen des vermuteten noch nicht Lesen und Schreiben Könnens aufdiktiert wird. Vor allem aber der ständig wiederholten Täuschung nicht aufzusitzen, daß man nur hinlänglich Wissen ansammeln müsse, um dann irgendwann auch verstehen zu können.

Für jedes Verständnisproblem ist es berechtigt, eine aus praktischen Zusammenhängen stammende Fragestellung zu fordern, die sich nicht allein aus den  Bedürfnissen des Unterrichts begründet.

Kinder haben das Recht schwierig zu sein und belehrende Erklärungen nicht zu verstehen. "Du weisst doch", ist einer der üblichen Tricks, die Kleinen zu übertölpeln.

Häufig ist es genau anders herum: Das Kind versteht sehr gut, aber dem Lehrer ist es vollkommen unverständlich.

Zu jeder Schule und Universität passt der Spruch: "Wir wissen viel, aber verstehen wenig".

 

 

Ohne den Wunsch des Verstehens der Kinder zu respektieren, und ohne ihre bereitwillige erfinderische Mitwirkung in Anspruch zu nehmen, wird sich auch ausserhalb der Institution Schule kein wirklich neuer Weg finden lassen.