Werkzeuge heute

Betrachten wir einmal unvoreingenommen und mit etwas Abstand die Auswirkungen von Maschinenerfindungen auf unser Erleben, so kommt man an der Tatsache nicht vorbei, dass schon die allereinfachste Mechanisierung unsere durch Erfahrung erworbene sensible Verbindung zu den Dingen, so wie sie tatsächlich sind, sich aufzulösen beginnt. Wir sind genötigt, den für ein erfolgreiches Handeln unzulänglichen Wirklichkeitsbezug mit Wissen aus zweiter Hand aufzufüllen.

Wer diesen Sachverhalt anerkennt und nicht mit Ausflüchten schönredet, wird auch keine besondere Schwierigkeit darin finden, diese bewährte Verbindung wieder aufzunehmen und sich dem Umgang mit Werkzeugen aus einer neuen und unkonventionellen Sicht zuzuwenden. Von heute aus gesehen leisten sie jedenfalls etwas ganz besonderes. Sie übersetzen die Rückmeldung der von unserem absichtsvollen Tun betroffenen Phänomene der dinglichen Welt in einen Sprachmodus, der es jedermann erlaubt, sich auch ohne großen theoretischen und technischen Aufwand mit ihnen auseinander zu setzen.

Das übernommene Wissen und die gewohnten Einstellungen aus fachlich-handwerklicher Praxis sind nun für diese ganz neue Sicht eher hinderlich als nützlich. Ein Anfänger in der Sache hat hier erfreulicherweise den gleichen Vorteil wie unsere Kleinen. Neu lernen ist leichter als lang Geübtes zu korrigieren.

Für die Arbeit mit Kindern brauchbare Werkzeuge und Gerätschaften gibt es leider bisher noch nicht. Was hier vorgestellt wird, ist ein Anfang, steht aber doch beispielhaft für noch viele offene Möglichkeiten. Ich kann nur empfehlen, alles selbst auszuprobieren und eine von konventionellem Vorwissen weitestgehend unabhängige Herangehensweise zu praktizieren. 

Annäherung

Handwerkzeuge so zu gebrauchen, dass man auch wirklich etwas damit anfangen kann, erscheint oft als ein schwer zu lösendes Rätsel. Mit etwas Glück entdeckt man die in den Werkzeugerfindungen versteckten Gedanken auch unerwartet und ganz zufällig. Ja, dann wird die Sache mit einem Mal so einfach und leicht wie passende Worte, die sich gerade finden, oder wie eine lang vergessene Melodie, deren wir uns plötzlich wieder vollständig erinnern. Und ohne dass man es denkt, erfüllt uns diese Art der Beschäftigung mit Freude, Mut und Hoffnung. Falls es Euch nun zufällig auch gefallen sollte, mit leichter Hand etwas Schönes und Nützliches zu schaffen, ist es möglicherweise hilfreich, wenn ich einiges von dem mitteile, was ich über die Geheimnisse des Spänemachens herausgefunden habe.

Als erstes bedenkt bitte, ein Werkzeug lässt uns volle Freiheit. Es schreibt nicht vor, wie es zu gebrauchen ist, und es gibt auch keine zuverlässige Regel, nach der es funktioniert. Die Arbeitssituation ist von einer ganzen Reihe von Bedingungen gekennzeichnet, die sich in ihrem zufälligen Zusammentreffen nur selten wiederholen. Man muss sich also immer wieder etwas Neues einfallen lassen, um für wechselnde Schwierigkeiten eine Lösung zu finden. Darauf solltet ihr eingestellt sein.

Charakteristisch für Holz als Arbeitsmaterial ist seine Vielgestaltigkeit und die Veränderung seiner Eigenschaften beim Trocknen. Um in der Fülle der Erscheinungen eine Orientierung zu finden, erscheint es mir das Beste, nur mit frisch geschnittenem Holz zu arbeiten und beim Aufspalten auch gleich die Art, wie es gewachsen ist, zu erforschen. Auf diese Weise erfährt man am deutlichsten das Spezielle seiner Beschaffenheit. Man kann beobachten, wie es sich beim Trocknen verhält und kommt durch unbeabsichtigt sich ergebende Formen auch gleich auf Ideen, was man daraus machen könnte.

Wie euch nun die Arbeit mit den einzelnen Werkzeugen so von der Hand geht, hängt in erster Linie davon ab, wie gut sie eingerichtet sind. Die Form der Halterung und ein spezieller Anschliff des Messers müssen gut zusammenstimmen. Die Unzulänglichkeit eines Werkzeuges ist für den Lernwilligen irritierend und auch durch Erfahrung und Geschick nicht auszugleichen. Das Problem bei neu gekauften Werkzeugen ist, man muss die Sache bereits verstehen, um sie in einen gebrauchsfähigen Zustand zu versetzen.

Alte abgearbeitete Werkzeuge bieten da bessere Voraussetzungen, denn  in nicht vorhergesehener Weise kann die natürliche Abnutzung der Schneide seine Brauchbarkeit mit der Zeit verbessern. Beim vermeintlich notwendigen Nachschärfen wird diese vorteilhafte Veränderung leicht übersehen, zeigt sich aber sofort, weil das Schneiden und Aufrollen der Späne wider Erwarten nun schlechter läuft als vorher.

Ich verstehe die Sache so: Beim Eindringen der Schneide ins Material wirkt durch die beachtliche Reibung die rauhe Holzfläche auf Ober- und Unterseite wie allerfeinstes Schleifpapier, was man am auffällig spiegelndem Glanz auch leicht erkennen kann. Durch dieses zwangsläufige Abtragen von Eisenteilchen passt sich die Form der vordersten Schneidkante auf Dauer gesehen nicht nur an die für das Werkzeug typische Arbeitssituation an, sondern sorgt auch selbsttätig für ein kontinuierliches Nachschärfen.

Alle Schneidwerkzeuge die man in ihrem Anstellwinkel manuell variieren kann schaffen sich selbst mit der Zeit eine ausgeprägt ballige Schneidenform, und wer von der Maschinentechnik kommt, der meint wahrscheinlich es sei abgenutzt und müsse wieder ordentlich scharf gemacht werden. Tatsächlich ist es aber so, dass ein Nachschärfen nur dann notwendig wird, wenn die vorderste Schneidkante durch Sandeinschlüsse in der Rinde oder extrem harte Äste schartig geworden ist.

Den allbekannten Schreinerhobel, wo der Anstellwinkel festgelegt ist, muß man als ein Werkzeug mit Zwangsführung des Messers gegenüber dem zu bearbeitenden Werkstück betrachten, und er bedarf eines freien Raums hinter der Schneidkante, damit sich die Hobelsohle zuverlässig ganz von selbst an die Arbeitsfläche heranzieht. Die durch Abrieb entstehende Rundung muß immer wieder rückgängig gemacht werden, damit er mühelos gehandhabt werden kann.

Auf diese Wirkungszusammenhänge können wir uns beim korrigierenden Nachschleifen einstellen. So nutzen wir bei allen frei geführten Werkzeugen die jeweilige Rundung auf Ober- und Unterseit der Schneide zur Unterstützung des flüssigen Spänemachens. Genauer gesagt, die eine zur Begrenzung der Spantiefe durch Führung auf der Materialoberfläche und die andere zum Einrichten der Art, wie sich Späne bilden und ablaufen. Werkzeugschneiden in dieser Art zu betrachten und zu behandeln, ist also eines der oben versprochenen Geheimnisse wie ihr das so wünschenswerte flüssige Abschälen der Späne begünstigen könnt.