Kinder werden heute zwangsläufig schon sehr früh auf ihre künftige Heldenrolle in unserer technisierten Wunderwelt hingeführt. Verfügungsgewalt per Schalthebel und Knopfdruck müsste eigentlich auch ihnen als die wünschenswerteste Art von Problemlösung erscheinen.

Tatsächlich interessieren sie sich aber auch sehr auffällig für weniger herausgestellte Dinge und Wege, die mit Mühe und Anstrengungen verbunden sind. Was sie zu dieser den Erwartungen widersprechenden Verhaltensweise befähigt, ist die Geschichte ihrer eigenen erfinderischen Unternehmungen, die sie vom ersten Tag ihres Lebens an überall dort praktiziert haben, wo der Einflussnahme der Erwachsenenwelt natürliche Grenzen gesetzt sind. Ja, genau besehen erwerben sie sich auf diese Weise einige Grundlagen intelligenten Verhaltens und auch die Anfänge eines individuellen Verstehens ganz aus eigenem Antrieb und Vermögen.

Mit dieser Ausrüstung treffen sie dann auf die in den Bildungseinrichtungen, im Erwerbsleben und im gesellschaftlichen Miteinander ungeschrieben geltende Verhaltensregel, die derzeit als gültig bewerteten Erklärungen und Gedankengänge so anzunehmen wie sie propagiert werden, möglichst schnell zu verstehen und nicht durch zu häufiges Nachfragen aufzufallen. Eine Verbindung zu ihrem eigenen schon erschaffenen Verständnis der Dinge herzustellen, das bleibt den Kindern verwehrt. Wie die Begegnung mit dieser merkwürdigen Fehlorientierung unseres aufgeklärten Zeitalters abläuft und welcher Spielraum ihnen hier für den selbst gefundenen Anspruch des Verstehens zugestanden wird, ist erfahrungsgemäß von beachtlicher Bedeutung für ihre weitere Entwicklung und den späteren Lebensweg.

Wie die Praxis der hier vorgestellten Spänewerkstatt zeigt, bietet die Materialbearbeitung von Hand mit einfachen Werkzeugen allein schon von der Sache her den Kindern die sonst seltene Gelegenheit, an das schon selbst erworbene Verständnis der Dinge anzuknüpfen und mit Erfahrungen aus erster Hand ihr Wirklichkeitsverständnis weiter auszubilden. Voraus gesetzt, dass wir nicht erklärend eingreifen, sondern sie ihrem Wunsch entsprechend, alles selbst herausfinden lassen. Unverfälschte Auskünfte über die Dinge und die Möglichkeit, erfinderisch auf sie einzuwirken, ergeben sich so ganz von selbst, zumal ihnen hier auch noch ein verlässliches entwicklungsgeschichtliches Erbe hinsichtlich des Umgangs mit einfachem Arbeitsgerät hilfreich zur Seite steht.

Nach allem was ich sehe, würde hier, wie beim frühen Spracherwerb, ein formeller Unterricht und geplante erzieherische Einflussnahme das unbefangene und spontane Ausprobieren der Werkzeuge im beschriebenen Sinn ausschliesslich behindern wenn nicht gar ganz unmöglich machen. Wäre eine solche Erfahrungsmöglichkeit aber bei gelegentlichem Bedarf frei verfügbar, könnte sie den Kindern bei Schlüsselproblemen des Verstehens gute Dienste leisten.

Es gibt sicher Gründe und Möglichkeiten genug, die Aufmerksamkeit wieder der Ausbildung spezifisch menschlicher Fähigkeiten zuzuwenden, anstatt sie durch immer vollkommenere Apparaturen zum Verschwinden zu bringen. Hier geht es in erster Linie darum, absichtsvoll ausgeblendete und ideologisch verhunzte kulturelle Leistungen zu aktualisieren und richtig zu stellen, für die Kindern wieder etwas mehr Wahlfreiheit in ihren Unternehmungen zu schaffen und ihnen einen größeren gedanklichen Spielraum im Dialog mit der Welt der Dinge zuzugestehen, als es die wissenschafts-orientierten staatlichen Bildungs- und Erziehungsmaßnahmen vorsehen.

Die Bemühungen der Spänewerkstatt richten sich darauf, die in unserer Lebenswelt so rar gewordene Begegnung mit ursprünglichen produktiven Handlungsmöglichkeiten wieder neu zu beleben. Dem kommen die Kinder entgegen indem sie sich spontan ihres angeborenen Vermögens erinnern. Die Grundzüge einfachster Technologien der Materialbearbeitung von Hand werden von ihnen geradezu mühelos wieder herausgefunden. Der schulmäßige Blickwinkel historischer Entwicklung erweist sich in dieser Situation als fruchtloses Denkschema. Allein aus dem Hier und Jetzt wird die sinnvolle Handhabung eines Werkzeugs herausgefunden und erinnert.