Im Spektrum der Wirklichkeiten, das unseren Kindern aktuell für ihr Denken und Tun zur Verfügung steht, findet seit einiger Zeit auch die nicht reglementierte Beschäftigung in Wald und Feld wieder Zuspruch und Beachtung. Ganz jenseits ihrer Erlebnismöglichkeiten und unzugänglich für sie bleibt aber immer noch die Herkunft und Machbarkeit von Gegenständen, deren Eigenart und Gebrauch sie gut kennen.

Über das Arsenal einer Werkstatt verfügen zu können würde in dieser Sache ein Tor aufstoßen, an dem sie schon mit dreieinhalb Jahren zu rütteln beginnen. Ganz zuverlässig erwacht hier das Interesse für die Handhabung derjenigen Handwerkzeuge und Arbeitstechniken, die als Ausgangspunkt und Grundlage jeder kulturellen Entwicklung gelten können.

Unsere langjährige Zusammenarbeit mit Kindern unter gut vorbereiteten Werkstattbedingungen hat nun gezeigt, wie verlässlich sie sich körperlich und in ihrem Vorstellungsvermögen auf diese neue Etappe ihrer Weltaneignung vorbereitet haben, indem sie einer in ihnen selbst entstehenden Anleitung folgend, sich immer mehr zutrauen. Die Unbefangenheit und Leichtigkeit, mit der sie das von uns Bereitgestellte annehmen und handhaben, zeigt uns unmittelbar die Art und Richtung ihrer Bedürfnisse.

Das Angebot der Materialbearbeitung mit Werkzeugen eröffnet den Kindern naheliegend und leicht die Möglichkeit herauszufinden, wie man eigene Gedanken verfolgt, ausprobiert und ob man damit weiterkommt, die Dinge so zu verändern, wie man es gern hätte. Dazu brauchen sie viel Zeit und Spielraum für ungezählte Versuche. Reinreden, es ihnen erklären wollen oder zur Diskussion stellen macht jede Chance, es selbst herauszufinden zu Nichte.

Der von den Kindern auf Grund innerer Voraussetzungen bevorzugte Weg des Erkundens und Verstehens beruht auf der Abfolge von Entdecken, Beobachten, Erinnern und Zusammenhänge finden, während dessen sie ständig etwas tun. Ausprobieren und sehen was daraus wird, ist das Instrument ihrer Verständigung mit der Wirklichkeit. Sie denken die Ereignisse und Erfahrungen nicht in Worten und Begriffen, sondern in sehr genauen Vorstellungen von Beziehungen, die sich verbal tatsächlich auch nur sehr unzulänglich beschreiben lassen. In dieser Weise schützen sie ihre provisorischen und vorläufigen Auffassungen vor unerwünschter Beurteilung. Vernünftiger und intelligenter könnte man es selbst bei Kenntnis aller Wissenschaft nicht einrichten.

Doch dann wird ihnen beim Schuleintritt von heute auf morgen ohne jedes Einsehen in das, was sie schon geleistet haben, vollkommener Verzicht auf weiteres Entdecken und Herausfinden abverlangt. Von jetzt an gilt es nur noch zu begreifen, was sich Andere ausgedacht haben. Die Zeit dafür wird ihnen zugemessen. Das vorgelegte Lernmaterial bietet keine Gelegenheit, eigenen Gedanken nachzugehen und sie zu erproben. Unterrichten bedeutet vorgezeigt, mitgeteilt und erklärt zu bekommen was gelten soll. Damit ist hier alles versammelt, was sich Kinder gerade nicht wünschen. Es ist das gegenteilige Verfahren ihrer so aufschlussreichen bisherigen Unternehmungen. Nichtstun und Nur-Lernen soll von nun an alle verfügbare Zeit ausfüllen.

Ist es da nicht naheliegend, den Kindern eine Entlastungsmöglichkeit anzubieten, wo sie gleichberechtigt auch noch ihre eigenen Nachforschungen weiter verfolgen können. Muss man sie unbedingt einseitig auf das Fächerlernen der Schule verpflichten, dessen lebensferne Künstlichkeit dem regen Interesse der Kinder an praktischen Dingen doch gar nichts zu bieten hat?

Zwanzig Jahre Werkstattarbeit mit Kindern im Alter von dreieinhalb bis zwölf Jahren haben mir gezeigt, wie sehr es ihnen widerstrebt, das Verständnis von Allem, was ihnen begegnet, von den Erklärungen einer Lehrperson abhängig zu machen. Deshalb suchen sie unermüdlich außerhalb der organisierten Wissensvermittlung nach Erfahrungsgelegenheiten, wo sie ungestört mit Probieren und Nachdenken sich selbst ein Bild von der Sache machen können. Hier gibt es einen riesigen Bedarf nach Arbeitsmaterial, dem unser Werkangebot nur entgegenkommt. Mit einfachen Mitteln schaffen wir eine Arbeitssituation, wo sie mit dem, was sie sich zutrauen, sofort anfangen können. Was sie aus ihrer je eigenen Sicht und Vorbereitung einzubringen haben, ist völlig ausreichend. Nichts muss erst gelernt werden. Die Chance einer derartigen Gelegenheit entgeht keinem von ihnen.

Ein weiteres Eingehen auf ungesagte Wünsche der Kinder besteht darin, Wissensüberlegenheit und Erziehen wollen ganz aus dem Spiel zu lassen. Dann haben wir auch noch zwei gut bewährte Gesichtspunkte für die Zusammenarbeit mit ihnen: Einmal sind unsere Werkzeuge und Gerätschaften in dem Sinne verfeinert und verbessert, dass wir sie mit den uns heute verfügbaren Kenntnissen aus Physiologie und technischer Mechanik für die Kinder zu echten Instrumenten des Verstehens machen. Und weiter führen wir Alles, was gewöhnlich durch Unterrichten nicht verständlich gemacht werden kann, auf eine praktische Aufgabenstellung zurück. Wenn den Kindern die Beschaffenheit der Dinge und ihre Beziehung zueinander als Werkaufgabe vorliegt, dann kommen sie selbst auf die Lösung und können sich ein weiterführendes Verständnis der Zusammenhänge erarbeiten. Wo es sonst im gewohnten Bildungsgang heißt: Theorie lernen und sich die umfangreichen Regeln der Anwendung einprägen, da bieten wir zum Nutzen eines gründlicheren Verstehens die Praxis als Ausgangspunkt von Überlegungen an.

Mit der auf so ungewohntem Weg entstandenen und immer in Erweiterung begriffenen Ausstattung unserer Zeltwerkstatt haben uns bisher überwiegend Kitas und Betreuungseinrichtungen mit Vereinsstatut engagiert. Den stärksten Zuspruch fanden wir bei Kulturveranstaltungen in öffentlichen Parkanlagen, wo sich die Kinder spontan entscheiden konnten, diese seltene Arbeitsgelegenheit zu nutzen. Auch bei Kindergruppen und Schulklassen ist unser Angebot sehr willkommen. Veranstaltungen auf dem Gelände von Schulen dagegen gab es nur vereinzelt auf Grund der Initiative von Eltern, aber ohne erkennbares Interesse bei Lehrern und Schulleitungen.

Bei Kindergarten- und Horteinrichtungen dagegen haben wir nicht nur einen festen Platz im Jahresplan mit einer Woche Holzwerkstatt, sondern dort bemüht man sich auch mit unserer Hilfe, eine kleine Werkausrüstung für die Kinder ständig verfügbar zu halten.

Grundschulkinder, die eine Entlastung vom Stress des üblichen Lernens am dringlichsten brauchen, konnten wir bisher nur im Ferienprogramm erreichen und soweit es in die Urlaubsplanung der Familie passte.

Ein für Alle hilfreiches Unternehmen auch während der Schulzeit wäre es dagegen, wenn sie über ein mit dem Fahrrad erreichbares Gelände verfügten. Mit ein wenig Zuarbeit könnte dort eine Werkplatz eingerichtet werden, wo sie reichlich Arbeitsmaterial vorfinden und ohne zeitliche Einschränkung ihre Projekte verwirklichen. Frisch geschnittenes Holz fällt auf Grünflächen der Gemeinde immer an. Abgelegte und unbrauchbare Handwerkzeuge würden wir mit ihnen wieder herrichten. Jedes Kind verfügt dann mit der Zeit über sein eigenes Arsenal und bringt von zu Hause mit, was es gerade braucht. Als längerfristige konstruktive Aufgabe bietet sich dann an, dort als gemeinsames Projekt eine Überdachung mit Werkstattraum zu bauen.

Um erst einmal eine Gruppe von interessierten Kindern zu sammeln, würde es für den Anfang aber auch eine provisorische Anlaufstelle tun, die vorläufig als Werkstatt gelten kann. Um welche Art von Arbeit es dabei geht, ist mit Bild und Text auf der Webseite www.werkzeugsprache.de ausführlich beschrieben.

Der innovative Gesichtspunkt eines solchen Unternehmens ist, dass Kinder sich selbst helfen und eine Möglichkeit schaffen, wo sie ernsthaft etwas Schönes und Brauchbares herstellen können und auch bestimmen, welche Eingriffe in ihre Sache sie nicht zulassen. Ein Ort, wo Bildungs- und Erziehungsabsichten nicht erwünscht sind. Wo sie sich Sachkenntnis unzensiert von Experten durch eigene Unternehmungen ganz von selbst ergibt.

Hier stellen Kinder die Regeln auf und sorgen dafür, dass sie eingehalten werden. Hier sollen sie einmal ungehindert von den Forderungen der Gesellschaft nach Anpassung auch einmal ihre sicher nicht weniger bedeutsame Bestimmung als nachfolgende Generation in die Tat umsetzen können. Neue Wege gehen, nichts ungeprüft hinnehmen und eigene Gesichtspunkte der Bewertung auf alles anwenden, was sie vorfinden.

Ohne eine anspruchsvolle Tätigkeit außerhalb der Schule – möglicherweise dieser Art – werden Kinder schon in den ersten vier Jahren in ein Lerndasein eingesponnen, das ihre Fähigkeit lahmlegt, sich auf eigenem Weg die grundlegenden Orientierungen für ein späteres Zurechtkommen mit Lernstoff zu erarbeiten. Wenn ihnen das trotz aller Behinderungen und Schwierigkeiten bis zum zehnten Lebensjahr gelingt, haben sie eine gute Chance, am Ende einer Ewigkeit Schulbildung sich an praktisch-erfinderisches Verhalten zu erinnern. Neue und gute Gedanken haben, sich auch in schwierigen Situationen immer etwas Brauchbares einfallen lassen und die Verantwortung gegenüber der Gesellschaft auf eigene Weise wahrzunehmen erscheint nicht weniger wünschenswert. Nichtgelingen dagegen wird den Kindern als „Lernschwäche“ angelastet, ist aber genauer betrachtet dem Umstand geschuldet, der hier im Umfeld des Schuleintritts angesprochen wurde: Die verhängnisvolle einseitige Inanspruchnahme der kindlichen Intelligenz durch abstrakte, verbale und didaktisch geregelte Leistungsforderungen.

Mit sozialpädagogischem Management lässt sich der Schaden, den die Kinder zwangsläufig erleiden, nicht abstellen und gleich recht nicht wieder gut machen. Hier helfen nur praktische Maßnahmen zur Erweiterung ihres Erlebnisfeldes – vorbeugend und mehr oder weniger therapeutisch motiviert – um die Fehleinschätzungen wissenschaftsorientierter Bildung und Erziehung auszugleichen. Eine Werkstatt für Kinder, wo das Recht zu belehren einzig bei der Wirklichkeit selbst liegt, kann den Kindern erfahrungsgemäß gute Dienste leisten.

Im Grunde braucht es dazu nicht mehr, als einfach sehen, woran Kindern gelegen ist. Statt an die Wortwunder kindzentrierter und verstehensorientierter Pädagogik zu glauben, einfach machen und sehen was tatsächlich passiert. Es könnte sein, dass vieles, worauf wir uns verlassen, gerade nicht so ist, wie es uns erzählt wird und wie wir es denken. Andererseits aber auch durch sehr einfache Maßnahmen Dinge und Verhältnisse entstehen lassen, die wir nie für möglich gehalten hätten. Ich mache seit zwanzig Jahren Kinderwerkstatt und kann das so sagen. Kinder haben auf Grund ihrer Vorurteilslosigkeit mehr in die Gesellschaft einzubringen, als wir uns vorstellen können:

Lassen wir ihnen doch Zeit und geben ihnen aktuell Gelegenheit dazu.