Ein kleines Wunderwerk

Jeder, der schon in der Kinderwerkstatt gearbeitet hat, kennt den kleinen Schweifhobel. An ihm könnt Ihr Euch die Wirkungsweise der Schneidenabrundung verständlich machen. Anstellwinkel und Vorstehen des Messers gegenüber der Holzführung sind hier zwar festgelegt, aber allein durch Veränderung bei der Handhabung könnt Ihr beliebig sowohl starke als auch ganz feine Späne machen. Wie kommt das?

Legt die Finger locker auf die Bögen des Holzgriffs, die Daumen an die gerade Führungskante. Wenn Ihr nun das Werkzeug ganz leicht übers Holz gleiten lasst, finden sich an der Messerkante nur ein paar feine abgeschabte Spanflocken.

Bei ein wenig mehr Druck gleitet das Messer immer noch auf seiner gerundeten Kante, aber die vorderste Schneidkante taucht schon hier und da ganz zart in die Oberfläche ein und macht richtige feine Spänchen.

Gebt Ihr jetzt noch etwas mehr Druck, spürt Ihr am erhöhten Widerstand beim Heranziehen, wie sich jetzt stärkere Späne auf der Oberseite des Messers hochschieben und dabei die Schneide in die Tiefe zu ziehen versuchen.

Dieses Eindringen ins Material würde sich ungehemmt verstärken bis der Span so dick wäre, dass er im Spalt zwischen Messer und Aussparung am Holzgriff zu klemmen anfängt. Aber die Rundung hinter der Schneidkante und Eure Finger wirken dagegen.

Wenn Ihr den Holzgriff nicht ganz umschließt sondern nur das erste Fingerglied leicht über die Rundung legt, übt Ihr den Druck ein ganzes Stück über der Schneidkante aus, von wo ja der Widerstand kommt. Dadurch kippt Ihr das Werkzeug über die Führungskante, wo die Daumen liegen, und zieht so das Messer entgegen dem Spandruck aus dem Holz wieder in Richtung Oberfläche. Legt Ihr die Hände dagegen unten an der Rückseite des Messers an und übt dort den Druck aus, ist das weniger der Fall. Das Messer gleitet tendenziell eher in die Tiefe.

Entscheidend für die variable Handhabung ist die genaue Lage der Schneidenspitze gegenüber der hölzernen Führungskante des Griffs, die sich beim gewöhnlichen Gebrauch ganz von selbst einstellt. Um den Schweifhobel zu einem kleinen Wunderwerk des Spänemachens auszubilden, habe ich mir zum Experimentieren und zum Nachrichten für spezielle Aufgaben  etwas ausgedacht, was Ihr auch selbst bewerkstelligen könnt.

Man befestigt auf der Führungskante einen schmalen Streifen sehr dünnen Materials, weniger als einen halben Millimeter (Postkarte oder dünnes Blech). Auf ein dünnes Holzlättchen leimt Ihr einen Streifen Nassschleifpapier und habt so eines kleines Schleifbrettchen. Von der Messerrückseite kommend streicht Ihr nun, die überhöhte Führungskante als Orientierung nutzend, am Messer eine kleine Fase an und rundet sie etwas. Am Schluss schiebt Ihr in den Schlitz noch ein Stück zusammen gefaltetes Schleifpapier und streicht ganz leicht den Grat ab. Wenn Ihr das Werkzeug gegen das Licht haltet, seht Ihr die schmale Fase glänzen. Sie sollte gleichmäßig sein und auch nicht mehr als einen halben Millimeter. Ist sie durch Abnutzung zu breit geworden, zieht Ihr das Schleifbrettchen mit etwas stärkerem Druck über die rückwärtige Fläche des Messers und verringert so die Abrundung wieder etwas.

 

Mit der Stärke des aufgebrachten Streifens könnt ihr experimentieren. Es geht auch ohne Überhöhung der Holzkante, so wie im Bild zu sehen. In diesem Fall muss man erheblich mehr Druck in der Senkrechten ausüben damit sich die Schneidenabrundung in die Oberfläche des Werkstücks eindrückt und die Schärfe des Messers feine Späne abzuheben beginnt. Wenn ihr wie zum Beispiel beim Bogenbau oder verquirlter Holzstruktur Ausrisse vermeiden wollt, ist das die günstigste Einstellung.

Wie stark das Messer tatsächlich in die Tiefe gezogen wird ist ein Spiel zwischen dem Eindrücken der Abrundung in die mehr oder weniger harte Oberfläche und der Festigkeit des sich hochschiebenden Spans, der speziell bei trockenem Holz oder sehr schmaler Bearbeitungsbreite das Werkzeug schon bei geringem Druck gut greifen lässt. 

Wir haben in der Spänewerkstatt alle bekannten Varianten des Schweifhobels über längere Zeit getestet und keinen für den von uns gewünschten universellen Einsatz unter auch härtesten Bedingungen für wirklich brauchbar befunden. Weder Hersteller noch Händler haben ein zutreffendes Verständnis der Wirkungsweise und Technologie dieser erstklassigen Werkzeugerfindung, und was man heute erwerben kann ist mit erheblichen Mängeln behaftet und selbst bei bester Kenntnis der Sache nur begrenzt einsatzfähig.

Der hier abgebildete von uns in kleiner Serie gebaute und in zwei Jahren des  Ausprobierens bewährte Schweifhobel hat ein feststehendes HSS Messer, mit einer wirksamen Schneidkante von ca. 6 cm und erfordert ein Nachschärfen nur im Ausnahmefall, wie oben beschrieben. Die Werkzeugkörper aus Pflaumenkernholz hat eine Länge von 25 Zentimetern.